Anthropic hat diesen Sommer den Systemprompt von Claude Code radikal zusammengestrichen, von rund 800 auf etwa 164 Tokens, über 80% weniger. Und laut eigener Aussage ist das Modell dadurch nicht schlechter geworden, sondern genauso gut. Gleichzeitig wurde ziemlich viel Doku umgeschrieben, weil sich Opus 5 und Fable 5 schlicht anders verhalten als die Generation davor.
Heißt für dich: ein Teil von dem, was du dir bei Claude Code angewöhnt hast, ist nach aktuellem Stand nicht mehr optimal und bremst dich eher aus, als dass es hilft. Ich bin elf Sachen durchgegangen, die ich selbst regelmäßig bei mir und anderen sehe, mit dem, was Anthropic mittlerweile stattdessen empfiehlt.
1. Prompts, die raten lassen statt zu führen
Der Klassiker sieht ungefähr so aus: “Du bist ein exzellenter Autor mit jahrelanger Erfahrung, schreib mir einen Text zum Thema X, in meinem Stil, nicht zu lang.” Klingt nach einem guten Prompt, ist aber für das Modell eine Ratesession. Wer ist die Zielgruppe? Was heißt “mein Stil”? Was heißt “nicht zu lang”?
Rollenspiel-Sätze wie “du bist ein exzellenter Autor” bringen dabei praktisch nichts, das Modell versucht sowieso schon, dir den bestmöglichen Output zu liefern. Was wirklich einen Unterschied macht, sind drei Dinge:
- Sag Claude den Grund und das Ziel hinter der Aufgabe, nicht nur die reine Anweisung. Claude verbindet die Aufgabe dann mit dem, was es sonst noch weiß, statt deine Absicht zu erraten.
- Zeig, statt zu beschreiben. “Schreib in meinem Stil” ist für Claude wertlos, solange es diesen Stil nirgendwo referenzieren kann. Mit
@lassen sich in Claude Code gezielt Dateien einbinden, zum Beispiel drei frühere Texte, die genau den Ton treffen, den du willst. - Definier, was “fertig” heißt, und zwar messbar. “Nicht zu lang” ist keine Zahl. “500 Wörter, drei bis vier Absätze, am Ende ein konkreter Tipp” schon.
Und wenn du eine Aufgabe wie diese regelmäßig machst, etwa einen wöchentlichen Newsletter, lohnt sich daraus ein eigener Skill. Einmal mit Claude gemeinsam erarbeitet und für gut befunden, danach reicht ein /newsletter und Claude weiß sofort, was zu tun ist.
2. Verbote statt klarer Ansagen
Je mehr Verbote in einer CLAUDE.md stehen, “mach das nicht”, “schreib nicht so”, desto mehr muss das Modell jedes einzelne Verbot gegen den Rest der Anweisungen abwägen, und desto öfter wird eins davon einfach übersehen.
Anthropic selbst hat genau deshalb an vielen Stellen der eigenen Claude-Code-Doku Verbote durch positive Anweisungen ersetzt. Statt “fass dich nicht so kurz” lieber “antworte in maximal fünf Sätzen”. Statt “keine Aufzählungen” lieber “schreib in ganzen Sätzen”. Für die wenigen Sachen, die wirklich nie passieren dürfen, ist trotzdem ein klares Verbot richtig, nur eben nicht als Standardformulierung für alles.
3. Claude ohne Angabe suchen lassen, wo etwas liegt
“Schau dir mal an, wie ich meine Angebote schreibe” ohne zu sagen, in welchem Ordner die liegen, zwingt Claude Code dazu, sich selbst durch das Projekt zu wühlen. Anthropic nennt das in der eigenen Doku wörtlich “Infinite Exploration”: Claude liest Datei um Datei, in der Hoffnung, den richtigen Ordner zu finden, und jede gelesene Datei landet vollständig im Kontextfenster, egal ob sie am Ende relevant war oder nicht.
Sag Claude, wo es nachschauen soll, wenn du es weißt, und nutze @, um Dateien und Ordner direkt zu referenzieren, statt sie beschreiben zu lassen. Für unklarere Recherchen (“wie funktioniert eigentlich unser Login-Flow”) lohnt sich stattdessen ein Subagent, der in einem eigenen Kontext sucht und nur eine Zusammenfassung zurückgibt, statt deinen Hauptverlauf mit jeder gelesenen Datei vollzustopfen.
4. Sich auf CLAUDE.md verlassen, wo eigentlich ein Hook hingehört
CLAUDE.md wird bei jeder Session einmal in den Kontext geladen, genau wie der Systemprompt, die verfügbaren Tools und Skills, der bisherige Chatverlauf und jede Datei, die Claude liest. Je voller der Kontext wird, desto häufiger gehen einzelne Anweisungen darin unter, das ist keine Ausnahme, das ist die Regel bei langen Sessions.
CLAUDE.md ist deshalb eine Empfehlung, kein Gesetz. Für Dinge, die wirklich immer und ohne Ausnahme passieren müssen, zum Beispiel dass jede erzeugte Datei automatisch gelintet wird oder dass Claude niemals eine bestimmte Datei mit Zugangsdaten liest, sind Hooks das richtige Werkzeug. Anders als eine CLAUDE.md-Anweisung sind Hooks deterministisch, sie laufen als echtes Skript an einem festen Punkt im Workflow, garantiert. Du musst so einen Hook nicht mal selbst schreiben können, ein “Schreib mir einen Hook, der X garantiert” an Claude Code reicht.
5. CLAUDE.md mitten in der Session ändern und weiterarbeiten
CLAUDE.md wird nur einmal zu Sessionbeginn eingelesen. Trägst du mitten im Chat eine neue Regel ein, weil dir gerade auffällt, dass Claude etwas falsch macht, greift die in der laufenden Session trotzdem nicht. Viele wundern sich dann, warum die neue Regel “nicht funktioniert”, dabei war sie schlicht noch nie geladen. Nach einer Änderung an CLAUDE.md hilft nur eine neue Session.
6. Veraltete Skills und eine nie gepflegte CLAUDE.md
Skills und CLAUDE.md-Regeln, die für ältere, schwächere Modelle geschrieben wurden, sind für Opus 5 oder Fable 5 oft zu kleinteilig vorgeschrieben und drücken die Qualität eher, als dass sie helfen. Boris Cherny, der Claude Code bei Anthropic mitgebaut hat, hat es bei einem Vortrag an der Y Combinator Startup School so zusammengefasst: Alle sechs Monate CLAUDE.md, Skills und Hooks löschen und schauen, was das Modell auch ohne sie kann, es überrascht einen öfter, als man denkt. Jede alte Anweisung war mal das Pflaster für einen Fehler, den das aktuelle Modell vielleicht gar nicht mehr macht.
Das heißt nicht, komplett auf Skills und CLAUDE.md zu verzichten, sondern regelmäßig zu prüfen, ob sie nicht schlanker gehen. Anthropic selbst nennt als Richtwert unter 200 Zeilen für eine CLAUDE.md. Der /doctor-Befehl hilft dabei direkt: er analysiert eine eingecheckte CLAUDE.md und schlägt Kürzungen für alles vor, was Claude sich auch selbst aus dem Code erschließen könnte.
7. Nicht wissen, dass es Auto-Memory gibt
Früher war es üblich, jede Erkenntnis von Hand in die CLAUDE.md zu schreiben, wodurch diese Dateien mit der Zeit unweigerlich wuchsen. Claude Code hat inzwischen ein eigenes, standardmäßig aktives Gedächtnis, das automatisch mitschreibt, unabhängig von der CLAUDE.md, und genau wie diese bei jeder Session automatisch in den Kontext geladen wird.
Diese Notizen liegen lokal unter ~/.claude/projects/<projekt>/memory/. Es lohnt sich, ab und zu reinzuschauen (oder Claude einfach zu bitten, zusammenzufassen, was es sich über das Projekt gemerkt hat), und zu prüfen, ob das noch stimmt und ob es zur CLAUDE.md nicht im Widerspruch steht. Wenn Claude eine Sache immer wieder tut, die in keiner CLAUDE.md steht, lohnt sich genau dort der erste Blick.
8. Mitten im Chat das Modell wechseln
Claude Code schickt bei jeder Nachricht den kompletten bisherigen Verlauf mit. Damit das nicht bei jeder Nachricht komplett neu abgerechnet wird, gibt es Prompt-Caching: Was schon einmal verarbeitet wurde, kostet beim nächsten Mal nur einen Bruchteil.
Der Cache ist aber an das gerade aktive Modell gebunden. Wechselst du mitten im Chat von Sonnet auf Opus und wieder zurück, wird der gesamte Verlauf beim nächsten Modell komplett neu eingelesen, voller Preis, keine Ersparnis. Das ist einer der Hauptgründe, warum manche schon nach zwei Stunden am Sessionlimit hängen, ohne das Gefühl zu haben, besonders viel gemacht zu haben.
Die Regel ist simpel: eine Aufgabe, ein Modell, bis zum Ende. Willst du danach etwas völlig anderes machen, /clear oder eine neue Session, nicht mitten im laufenden Chat das Modell tauschen.
9. Das Kontextfenster volllaufen lassen
Die aktuellen Claude-Modelle haben ein Kontextfenster von einer Million Tokens, das heißt aber nicht, dass jede Information darin gleich gut abrufbar bleibt. Auf dem MRCR-Benchmark, der prüft, wie zuverlässig ein Modell Informationen aus einem großen Kontext wiederfindet, erreicht Opus 4.6 bei vollen 1M Tokens rund 76%, deutlich weniger als bei kleinerem Kontext. Je voller das Fenster, desto öfter übersieht das Modell etwas, auch deine eigenen Anweisungen.
Praktisch heißt das: /clear zwischen unabhängigen Aufgaben, nicht erst wenn es schon klemmt. /compact (optional mit Anweisung, was erhalten bleiben soll, etwa /compact Fokus auf die API-Änderungen) für lange Sessions, die weitergehen sollen. Und /context zeigt dir jederzeit, wie voll das Fenster gerade tatsächlich ist, bevor du dich wunderst, warum Claude plötzlich schludriger arbeitet.
10. Den Aufwand-Regler auf Maximum stehen lassen
Claude Code hat einen Effort-Regler von Low bis Max, Standard ist High. Der Regler bestimmt, wie gründlich Claude arbeitet, wie viele Dateien gelesen, wie viele Zwischenschritte gemacht und wie viel am Ende gegengeprüft wird, und das schlägt sich direkt im Tokenverbrauch nieder.
Viele stellen den Regler einmal auf Max und lassen ihn dort stehen, und wundern sich dann über ihr Kontingent. Für den Alltag reicht High fast immer. Medium oder Low sind für Routineaufgaben oft völlig ausreichend, richtig hochdrehen lohnt sich erst bei Aufgaben, an denen Claude am Stück eine ganze Weile arbeiten müsste. Was ich in dem Zusammenhang nicht mit einem einzelnen Regler verwechseln würde: Agent Teams, bei denen mehrere Claude-Instanzen gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten, verbrauchen laut Anthropic ungefähr das Siebenfache einer normalen Session, weil jede Instanz ihr eigenes Kontextfenster mitbringt. Mächtig, aber nichts für die tägliche Kleinarbeit.
11. Claude nicht die Möglichkeit geben, sich selbst zu überprüfen
Der wichtigste Punkt in Anthropics gesamtem Leitfaden zu Claude Code: Gib Claude einen Weg, das eigene Ergebnis zu überprüfen, einen Test, einen Build, einen Screenshot zum Vergleich. Ohne diese Möglichkeit ist “sieht fertig aus” das einzige Signal, das Claude hat, und du selbst wirst zur Kontrollinstanz für jeden einzelnen Fehler.
Mit einer echten Prüfmöglichkeit bleibt Claude so lange in der agentischen Schleife, bis das Ergebnis tatsächlich passt, es implementiert, prüft, liest das Ergebnis, und iteriert von selbst weiter. “Prüf dein Ergebnis” allein reicht dabei nicht, entscheidend ist, wogegen geprüft werden soll: ein Testfall, ein Vergleichsscreenshot, frühere Ausgaben, die als Referenz taugen.
Fazit
Die drei Punkte, die ich davon am ehesten mitnehmen würde: Claude Grund und Ziel statt nur eine Anweisung geben. Das Kontextfenster aktiv leerhalten statt es volllaufen zu lassen. Und Claude eine echte Möglichkeit geben, das eigene Ergebnis zu überprüfen, das ist mit Abstand der Hebel mit dem größten Effekt.
Die Modelle sind mittlerweile so weit, dass ein Großteil der Scaffolding-Arbeit, die man sich über die letzten Jahre angewöhnt hat, eher bremst als hilft. Es lohnt sich, das eigene Setup regelmäßig zu entrümpeln, nicht nur einmal einzurichten und nie wieder anzufassen.
Links & Ressourcen
- Claude Code Best Practices - offizieller Leitfaden von Anthropic
- Claude Code: Costs - Kontextmanagement, Effort-Level, Kostenkontrolle
- Claude Code Hooks - deterministische Aktionen statt Empfehlungen
- CLAUDE.md / Memory - Aufbau und Grenzen von CLAUDE.md
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